Frauen profitieren von Neuinterpretation der Troponinwerte nach Herz-OP
Der Preis für Gendermedizin Forschung 2024 an der Medizinischen Universität Innsbruck wurde kürzlich an Can Gollmann-Tepeköylü und Leo Winter-Pölzl vergeben. Die beiden jungen Herzchirurgen gingen in der prämierten Forschungsarbeit der Frage nach, ob die Freisetzung von kardialen Biomarkern wie Troponin nach einer Bypass-OP vom Geschlecht der Patientin / des Patienten beeinflusst wird und liefern erstmals geschlechtsspezifische Schwellenwerte, die für Therapie und Prognose höchst relevant sind.
Im Rahmen einer festlichen Feierstunde am 16. Dezember 2025 im achten Stock der Fritz-Pregl-Straße 3 wurden gleich mehrere Preise der Med Uni Innsbruck vergeben, darunter auch der Preis für Gender Medizin Forschung 2024. “Der Preis für Gender Medizin Forschung soll auf Geschlechteraspekte in der Prävention, Entstehung, Diagnose und Behandlung von Erkrankungen aufmerksam machen und Forschende dafür sensibilisieren. Auf diese Weise kann er einen Beitrag zu einer geschlechter- und chancengerechten Gesundheitsversorgung leisten“, betonte Patrizia Stoitzner, Vizerektorin für Forschung und Internationales. Michael Grimm, Direktor der Univ.-Klinik für Herzchirurgie, würdigte in seiner Laudatio die Exzellenz der Forschungsleistungen von Can Gollmann-Tepeköylü und Leo Winter-Pölzl, die schon in jungen Jahren „role models“ für forschende Chirurgen seien und sich wissenschaftlich wie auch klinisch durch Exzellenz auszeichneten.
In der nun mit dem Preis für Gender Medizin Forschung ausgezeichneten Forschungsarbeit befassten sich die Herzchirurgen mit der Bestimmung und Überprüfung von Grenzwerten (Cut-offs) nach einer Herz-OP, die für die Prognose (30-Tage- und 5-Jahres-Überleben) und für die Therapieentscheidung eine zentrale Rolle einnimmt. Der im Blut gemessene Troponin-Wert erlaubt Hinweise auf den Untergang von Herzmuskelzellen, wie er infolge eines Herzinfarkts eintritt. Troponin kann aber auch nach einer Bypass-OP oder anderen invasiven Eingriffen am Herzen massiv erhöht sein.
Gleichbehandlung als medizinischer Nachteil
Bislang orientierten sich viele Kliniken an einheitlichen Grenzwerten, um einen perioperativen Herzmuskelschaden zu erkennen. Der Einfluss geschlechtsspezifischer Unterschiede auf die Freisetzung kardialer Biomarker wie Troponin nach einer koronaren Bypass-Operation (CABG) war bis zur Analyse der Innsbrucker Herzchirurgen unbekannt. Gollmann-Tepeköylü und Winter-Pölzl analysierten die Daten einer konsekutiven Kohorte von 3.687 Patient:innen, darunter 643 Frauen (17,4 %) und 3.044 Männer (82,6 %), die zwischen 2008 und 2021 in zwei tertiären Universitätszentren einer koronaren Bypass-Operation (CABG) unterzogen worden waren. „Unsere Studie legt nahe, dass Frauen bereits bei niedrigeren Troponinwerten ein erhöhtes Risiko für Komplikationen aufweisen. Das zeigt, dass einheitliche Cut-offs zu einer Unterdiagnose bei Patientinnen führen könnten – eine rasche Abklärung, etwa per Herzkatheter, wird damit oft verpasst“, betont Studienleiter Can Gollmann-Tepeköylü
Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Notwendigkeit individualisierter Troponin-Grenzwerte, um angepasste Cut-offs zu definieren, die sich an Kriterien wie der Herzmuskelmasse oder dem Geschlecht orientieren. „Bis zu 80 Prozent des Bypass-Kollektivs sind Männer, Frauen haben oft andere, diffusere Gewebsveränderungen und auch genuine Nachteile, die es bei Bypass-Operationen zu berücksichtigen gilt“, so Erstautor Leo Winter-Pölz. Das differenzierte Konzept wird an der Innsbrucker Herzchirurgie deshalb weiterverfolgt: Ziel ist ein Rechner mit patient:innenspezifischen Cut-offs, der neben dem Geschlecht auch Faktoren wie Körpergröße, Vorerkrankungen und die Art des Eingriffs berücksichtigt. „Je früher ein Schaden erkannt wird, desto besser sind die Chancen, die Therapie gezielt anpassen zu können und die Prognose zu verbessern“, sind sich die Herzchirurgen einig.
(12.01.2026, Text: D. Heidegger, Bild: D. Bullock)
Links:
Sex-Specific Troponin and Creatine Kinase Thresholds After Coronary Bypass Surgery. Leo Pölzl et al.
https://doi.org/10.1016/j.athoracsur.2024.06.019
Univ.-Klinik für Herzchirurgie
