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PredictAYA: Reproduktive Gesundheit von jungen Krebsüberlebenden im Fokus

Die Tumorerkrankung überstanden – wie geht es unseren Patient:innen jetzt? Dank moderner Therapien steigen die Chancen, Krebs zu überleben. Darum rückt das Wohlbefinden der Überlebenden stärker in den Fokus der Wissenschaft. Forscher:innen an der Univ.-Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Medizin Uni Innsbruck beschäftigen sich in dem EU-Projekt PredictAYA mit Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensqualität von jungen Krebsüberlebenden.

Unter der Leitung von Bettina Böttcher beteiligt sich die Univ.-Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin (Direktorin: Bettina Toth) nun an dem Projekt PredictAYA und erhält dafür von der EU 142.000 Euro. In diesem auf fünf Jahre angesetzten Großprojekt, an dem 18 Zentren in zehn Ländern mitarbeiten (Gesamtfördervolumen: 6,3 Mio. Euro), geht es vorrangig um die reproduktive Gesundheit – sprich: Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensqualität nach einer in jungen Jahren überstandenen Krebserkrankung. „Wir untersuchen die Langzeitkonsequenzen von Krebstherapien bei Patientinnen und Patienten im Alter von 15 bis 39 Jahren“, schildert Böttcher.

In einem Teilprojekt werden die Auswirkungen für die reproduktive Gesundheit bei Männern und Frauen ein, fünf und zehn Jahre nach einer gonadotoxischen Therapie, die Eierstöcke bzw. Hoden schädigen kann, untersucht. „Wichtig dabei ist vor allem die interdisziplinäre Zusammenarbeit, in der die Fertilitätsprotektion Teil des gesamten Therapiekonzepts ist“, sagt Böttcher. Im Bereich der Fertilitätsprotektion, also dem Schutz der Fruchtbarkeit, gebe es schon einige gute Behandlungsoptionen, die vor einer gonadotoxischen Therapie begonnen werden und die Keimzellen schützen. „Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und fragen: Welche Patientinnen und Patienten sind besonders gefährdet? Welche Therapien haben ein hohes Risiko für einen Verlust der Fruchtbarkeit oder für andere Schäden? Wie können wir die Beratungssituation verbessern? Wir wollen auch wissen: Gibt es genetische Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass eine Frau oder ein Mann sensibler auf die gleiche Dosis einer Chemotherapie reagieren, als andere?“, sagt die Oberärztin.

Ziel ist es, personalisierter zu beraten und somit auch zu behandeln. Dazu gehöre es auch, eine Übertherapie zu vermeiden, wenn z.B. Kinderwunsch keine Rolle (mehr) spielt oder wenn die Therapie voraussichtlich keine Schädigung der Fruchtbarkeit verursacht. Andererseits gebe es vereinzelt für bestimmte Krebserkrankungen, wie z.B. Morbus Hodgkin mittlerweile neue Therapieschemata, die weniger schädlich für Eizell- und Spermienbildung sind. „Über andere Therapien, wie z.B. neue Antikörper- und Immuntherapien wissen wir noch nicht viel“, sagt Böttcher. Mit der internationalen Kooperation erhoffen sich die Forscher, solche Daten zusammenfassen und deren Aussagekraft damit erhöhen zu können. „Gerade für seltenere Krebserkrankungen mit seltenen Therapieschemata ist es besonders wichtig, die Erfahrungen aus verschiedenen Zentren zusammenzutragen, weil wir uns sonst bei der Beratung nur auf Einzelfälle beziehen können.“ 

Beratung verbessern

Stichwort: Beratung. Es gibt bis dato keine verlässlichen flächendeckenden Informationen darüber, ob und wie in den Spitälern über fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen vor Tumortherapien aufgeklärt oder ein Beratungsangebot gestellt wird. „Wir haben Daten aus unserem deutschsprachigen Netzwerk Fertiprotekt, die besagen, dass wir im ganzen deutschsprachigen Raum bei 25 bis 30 Prozent Beratungen liegen. Das sind die Beratungen, die gemeldet werden. Ob das Thema Fertilität im Aufklärungsgespräch angesprochen wird und dann in der Folge von der Patientin oder dem Patienten keine weitere Beratung gewünscht ist, wird nicht erhoben“, sagt Böttcher.

An der Univ.-Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin lassen sich rund 100 Patient:innen pro Jahr beraten. Die Beratung von Männern, die z.B. ein Hodenkarzinom haben, wird z.B. an der Univ.-Klinik für Urologie (Ansprechperson ist Germar Pinggera) initiiert. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniere auch mit den anderen Universitätskliniken in Innsbruck, wie z.B. der Pädiatrie oder Univ.-Klinik für Innere Medizin V hervorragend. Mediziner:innen von externen Häusern wenden sich bei Fragen ebenfalls an die an die Expert:innen der Univ.-Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Böttcher geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der beratenen Patient:innen die fruchtbarkeitsschützenden Maßnahmen in Anspruch nehmen.

Eine Frage der finanziellen Unterstützung

Ein Knackpunkt sind die Kosten von fertilitätsprotektiven Maßnahmen. Diese müssen von den Patient:innen selbst getragen werden, wobei Frauen deutlich tiefer in die Tasche greifen:  der Entnahme und Kryokonservierung von Eizellen geht nämlich eine hormonelle Stimulation mit Medikamenten voraus, die teuer sind. Zudem sind die jährlichen Lagerungsgebühren zu bezahlen, so dass insgesamt Kosten von bis zu über 3.000 Euro entstehen. Da einige Patient:innen noch in der Ausbildung sind, ist es nicht selten, dass die Kosten ausschlaggebend dafür sind, fertilitätsprotektive Maßnahmen nicht in Anspruch zu nehmen“, merkt die Medizinerin kritisch an. Daher ist Klinikdirektorin Bettina Toth im engen Austausch mit dem Bundesgesundheitsministerium und der ÖGK, um hier möglichst zeitnah eine Lösung zu finden.

Teilnahme: Fragebogen, Blut und Ultraschall/Spermiogramm

Bettina Böttcher erwartet in den nächsten Wochen das Studienprotokoll und will dann sofort loslegen: Zuerst werden die bereits vorhandenen Daten rückblickend zusammengetragen, dann soll auch bei neuen Patient:innen verstärkt geschaut werden, welche Auswirkungen die einzelnen Therapien haben. Auch die psychologischen Folgen auf die Lebensqualität und die Sexualität werden berücksichtigt. „Wir würden uns natürlich freuen, wenn betroffene Männer und Frauen sich auf eine längerfristige Weiterbetreuung einlassen und uns dabei unterstützen, neue Daten zusammenzustellen. Damit können wir in Zukunft zielgerichteter und individueller beraten“, sagt Böttcher. Die Teilnahme an der Studie umfasst das Ausfüllen von Fragebögen, eine Blutabnahme – auf Wunsch mit Hormonspiegel – sowie eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke bzw. ein Spermiogramm.

(Innsbruck, am 26. März 2026, Text: T. Mair, Foto: MUI/D. Bullock)

Links:

Projekt-Homepage
Univ.-Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin

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